Der Stoff aus dem der Wandel ist

EDAG Light Cocoon kann der Paradigmenwechsel für die mobile Zukunft sein

Es ist so eine Sache mit der nachhaltigen Bedeutsamkeit von Erfindungen. Als Nikolaus August Otto 1862 den Viertaktmotor erfand, war vielen noch nicht klar, dass dieser Meilenstein die Welt verändern würde. Ob dieser Geistesblitze entscheidend für den gesellschaftlichen Siegeszug des Automobils war, ist unklar. Wichtig war er dennoch. Denn die Geschichte zeigt uns immer wieder, dass man einen Paradigmenwechsel nicht immer mit einem großen, sondern mit vielen kleinen, sehr präzisen Impulsen einleitet.

Die kleinen, präzisen Entwicklungsimpulse sind eine Spezialität von EDAG. Wer in die Historie des Entwicklungsdienstleisters schaut, wird immer wieder auf Impulse stoßen, die heute technologischer und gesellschaftlicher Konsens wurden. Ob Car-Sharing und nachhaltige Mobilitätskonzepte, Leichtbautechnologien oder der Ansatz durch Car-IT den Mehrwert der Elektromobilität transparent zu machen. EDAG hat auf viele Themen, über die wir heute sprechen, bereits in der Vergangenheit aufmerksam gemacht. 

Die Fertigung verändern

Als Gesamtfahrzeugentwickler denkt man in Wiesbaden jedoch weiter. 2014 hat EDAG mit dem Konzept Genesis angedeutet, wohin die Reise geht. Genesis ist der Beweis dafür, dass Autos anders, besser und vor allem effizienter gefertigt werden können, wenn man der technologischen Evolution des 3D-Drucks vertraut und die Entwicklung sinnhaft treibt. Im Austausch mit Forschern und Experten zeigte man von Wiesbaden aus auf, dass die nächsten 20 Jahre ein Paradigmenwechsel für den Automobilbau sein können – weil sich Karosserien und Strukturen in jedweder Form aus dem „Drucker“ erzeugen lassen könnten. Wirtschaftlich ineffiziente Werkzeuge zur Fertigung, daran gebundene, ökonomisch restriktive Vorgaben für die Entwicklung und Konstruktion, Ressourcen verbrauchende Logistik für den Materialtransport - all das könnte sich in den nächsten Jahrzehnten verändern und durch eine effizientere Produktion ersetzt werden.

Und wie bei der Entwicklung des Motors vor über 150 Jahren war Genesis nur ein Meilenstein, ein kleiner Impuls in die richtige Richtung - dem in sehr kurzem Abstand gleich der nächste folgt. 2015 zeigen die Ingenieure, was diese gar nicht mehr so utopischen Entwicklungsmethoden tatsächlich bringen. Im Gegensatz zum geistigen Vater „Genesis“ ist die neue Idee EDAG Light Cocoon als Blaupause für einen technologischen Fortschritt zu verstehen, der nicht erst in 20 Jahren, sondern in den nächsten 10 Jahren plausibel erscheint.

Die Natur als Vorbild

Ausgangslage war die Fragestellung, wie man die aus Genesis gewonnenen Erkenntnisse so Nutzen könnte, dass sie dem Automobilbau der Gegenwart etwas bringen. Insbesondere im Leichtbau, einem der Entwicklungsschwerpunkte der EDAG. 

Die Feststellung, dass Strukturen, deren Designgrundlage die Natur ist, einfach stabiler und leichter sind, führte zu einem neuen Denkansatz für die Gestaltung der Außenhaut des EDAG Light Cocoons.

Man nahm sich somit der bewährten, strukturgebenden Flächen von Fahrzeugen an, ließ sich von Blättern und Fledermausflügeln inspirieren, und gelangte über diese Kreuzungsversuche zur Erkenntnis, dass eine Karosserie nicht als eine geschlossene Fläche betrachtet werden muss. Es wurde der Ansatz verfolgt, nur dort den Einsatz von Material vorzusehen, wo es für die Funktion, Sicherheit und Steifigkeit notwendig ist. Die bisher typischen Blechflächen der Außenhaut von Fahrzeugen wurden dadurch aufgebrochen.

Im Ergebnis zeigt der EDAG Light Cocoon eine stabile, verästelte Tragstruktur, wie sie auch die Natur verwendet. Trotz Reduktion des Materialeinsatzes können so die Anforderungen an strukturrelevante Bauteile erfüllt werden.

Dank der werkzeugfreien Herstellungsmöglichkeiten der additiven Fertigung lassen sich derartige bionische Designs verwirklichen, die aufgrund ihrer Komplexität mit normalen Fertigungsverfahren gar nicht zu realisieren gewesen wären. 

Mit dem Light Cocoon konnte EDAG zeigen, dass sich das bionische Design bereits heute auf Strukturteile übertragen lässt. Und dass der Mehrwert dieses Designverfahrens eine Integration in die Automobilentwicklung  mehr als rechtfertigt. 

Der Stoff, aus dem die Zukunft ist

Das Skelett des agil wirkenden EDAG Light Cocoons erinnert entfernt an ein Spinnennetz - was wiederum ein Problem mit sich bringt. Denn so leicht und schützend diese stabile Struktur auch ist, sie wäre im Straßenverkehr allein schon deshalb untauglich, weil sie witterungsdurchlässig ist. Was also tun, um das Innenleben zu schützen und dennoch zu zeigen, wie raffiniert das Auto gebaut ist? Zugegeben, es ist eine durchaus polarisierende Idee, Autos mit Stoff zu bespannen - aber im Falle EDAG Light Cocoon macht sie durchaus Sinn. In Kooperation mit dem Outdoor-Bekleidungsspezialisten Jack Wolfskin wurde ein hochbelastbarer, witterungsbeständiger Stoff entwickelt, der die gedruckte Struktur des Fahrzeuges elegant umhüllt. 

Die flexible Hülle kann bis zu 19 Gramm pro Quadratmeter leicht sein. Zum Vergleich: handelsübliches Papier kommt auf 80 Gramm. Und neben der Gewichtsreduktion ist die Sache auch in anderer Hinsicht nachhaltig: kein Lack mehr, keine aufwendigen Reparaturen in Schadensfällen, absolute Freiheit in Sachen Gestaltung und Individualisierung.

Licht als persönliches Gestaltungsmittel

Zudem wird die Struktur des Showcars von Innen mit LEDs ausgeleuchtet. Nicht nur als Showeffekt, sondern um das Skelett sichtbar zu machen. So lässt sich auch die Außenhaut des Fahrzeugs und somit die gesamte Erscheinung personalisieren. Während Personalisierung heutzutage lediglich als Auswahl von Accessoires beim Fahrzeugkauf gedacht wird, geht der Cocoon auch hier einen Schritt weiter. Die Außenhaut lässt sich je nach Geschmack des Fahrers beliebig farblich gestalten. Der Kunde wird selbst zum Designer, der Cocoon ist seine Leinwand. Die dafür notwendigen Einstellungen werden nicht, wie man vermuten könnte im Fahrzeug gespeichert, sondern in einem personengebundenen Account verwaltet. 

Potenzial für einen technologischen Wandel

Dass wir in den kommenden Jahren Autos aus Stoff sehen werden ist eher unwahrscheinlich. Dass jedoch das ein oder andere strukturgebende Teil eines Fahrzeugs schon bald auf den Erkenntnissen des EDAG Light Cocoons basieren wird, ist bereits jetzt ersichtlich. Denn wenn man bei EDAG bereits heute überdeutlich aufzeigen kann, dass die ökonomisch und ökologisch effizientere Fertigung und eine daraus resultierende drastische Gewichtseinsparung mit den Möglichkeiten des bionischen Designs und der additiven Fertigung möglich sind, ist es nur eine Frage der Zeit, bis aus der Idee ein Standard wird. Ein Standard, der ähnlich wie der Otto-Motor von 1862 vielleicht noch keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Gegenwart der Mobilität haben wird. Der aber dennoch das Potenzial hat, einen technologischen Wandel einzuleiten, und unsere Welt zum besseren zu verändern.


(10.3 MB / 00:58 min)

Lesen Sie weitere Details und technische Feinheiten zu EDAG Light Cocoon im aktuellen EDAG INSIGHTS.

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