Seit Millionen Jahren bewährt:

Die Design-(R)evolution der EDAG

Die Produktion unserer Automobile wird sich in Zukunft stark verändern. Das hat bereits die EDAG-Studie Genesis Anfang 2014 gezeigt. Die Möglichkeit, nicht nur einzelne Bauteile, sondern ganze Fahrzeuge mit Hilfe sogenannter additiver Verfahren ganz nach Bedarf und Geschmack „auszudrucken“ liegt in greifbarer Nähe. Und bietet ungeahnte Möglichkeiten, was den Bau leichterer, besserer Autos betrifft.

Natürlich fällt der Blick zuerst auf den Paradigmenwechsel in der Produktion: Die neuen Fertigungsverfahren sind der Start in eine Gedankenwelt, die noch viele Herausforderungen mit sich bringt. Wie wird sich beispielsweise die Logistik ändern, wenn plötzlich keine Teile mehr transportiert werden müssen, sondern vor Ort gefertigt werden? Wie sieht die Zukunft der Zulieferer aus, wenn Produkte oder Ersatzteile nicht mehr in der Fabrik, sondern direkt im Laden gefertigt werden? Und was ist mit dem Urheberrecht, wenn die Ware, mit der gehandelt wird, nicht das Produkt, sondern die Datei ist, die als Grundlage für den Druck dient? Diese Fragen werden in Zukunft geklärt werden müssen. Der Status quo zeigt, dass diese Zukunftsvisionen nicht unwahrscheinlich sind. Schließlich sind 3D-Drucker schon heute relativ günstig für den Heimbedarf erhältlich, und große Versandhäuser bieten bereits Print-Shop-Services für eigene Produktideen an. Natürlich noch keine Autos. Aber wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass man sich heute seinen individuellen Schmuck oder die an den Fuß angepasste Sohle für den Hightech-Sneaker ausdrucken kann?

Zukunft dramatisch verändern

Doch die additive Fertigung bietet nicht nur der Produktion völlig neue Möglichkeiten, effizienter zu werden. Auch das Design und die Konstruktion von Produkten, und insbesondere von Automobilen, wird sich in Zukunft dramatisch verändern. Klar ist: Wenn Fahrzeuge förmlich „ausgedruckt“ werden, braucht man keine Werkzeuge mehr, um beispielsweise Metallteile zu ziehen oder zu stanzen. Die Restriktionen, die die klassische Fertigung in Sachen Design mit sich bringt, sind ausser Kraft gesetzt. Plötzlich sind selbst komplexeste Formen einfach realisierbar - Stabilität und Leichtigkeit können für Fahrzeuge völlig neu gedacht werden. Und was liegt da näher, als sich an Formen und Konstruktionen zu orientieren, die sich schon seit Millionen von Jahren bewährt haben?

Bionik - der Übertrag von Phänomen der Natur auf die Technik, ist kein neues Designprinzip. Aber dennoch eins, dass sich in der Vergangenheit nur bedingt umsetzen ließ - denn wo die Natur frei ist, hat die Technik nach wie vor ihre Grenzen. Natürlich hat bereits Leonardo da Vinci das Prinzip des Vogelflugs auf Maschinen übertragen, natürlich ist die Zange von den Greifwerkzeugen des Krebses , der Saugnapf vom Tintenfisch und der Klettverschluss von der Klette inspiriert. Aber wo man bisher eben nur ein Prinzip übernehmen und in die Technik übersetzen konnte, kann man heute mit den Mitteln und Möglichkeiten der additiven Fertigung ganze Strukturen übernehmen und anwenden. Dass es möglich ist, hat man mit EDAG Genesis unter Beweis gestellt.

Die Schildkröte als Grundlage

„Wir mussten uns Anfangs durchaus dafür rechtfertigen, dass wir eine behäbige Schildkröte als Grundlage für eine Fahrzeugidee genommen haben“ so Johannes Barckmann, Chefdesigner und Bionik-Innovator bei EDAG. „Schildkröten sind unter Wasser begnadete Schwimmer, aber an Land nicht unbedingt die schnellsten Zeitgenossen. Was uns allerdings dazu inspiriert hat, den Schildkrötenpanzer als Inspiration für Genesis zu nutzen, war die simple Tatsache, dass wir hier über einen Insassenschutz reden, der von der Natur über Millionen von Jahren perfektioniert wurde. Das kann sich kein Ingenieur ausdenken!“

Barckmann sieht Genesis und das Thema Bionik als Startschuss für eine neue Designphilosophie bei EDAG, die Leichtbau und Sicherheit in völlig neuen Dimensionen denkt - und dank den nahezu unbegrenzten Möglichkeiten der additiven Fertigung umzusetzen weiß. „Nicht nur die Produktion, auch der Entwicklungsprozess wird sich nachhaltig verändern“, so Barckmann. „Allerdings ist der Weg dahin noch zu ebnen“. Zum einen mangelt es am interdisziplinären Austausch. Schließlich ist Bionik keine zweckfreie Inspiration, sondern ein Designfeld, das ein systematisches Erkennen von passenden Lösungen erfordert. „Der Bioniker sieht ein Blatt an einem Baum, sieht die Struktur des Blattes, und denkt sich seinen Teil. Doch daraus einen Übertrag auf die Technik zu machen, bedarf ganz unterschiedliche Blickwinkel. Ein Ingenieur alleine denkt noch nicht bionisch“. Die schier unbegrenzten Möglichkeiten, sich bei der Natur technisch zu bedienen, müssen demnach nicht nur von Ingenieuren und Designern, sondern auch von Naturwissenschaftlern, Architekten und nicht zuletzt Philosophen gemeinsam erkannt und weiter erforscht werden.

Es gibt keine Software

Eine weitere Herausforderung ist - man mag es kaum glauben - die Software. „Weil bisher noch niemand Strukturen aus der Natur in einer klassischen CAD-Umgebung umsetzen musste und die bisher genutzten Produktionsprozesse gar nicht dazu in der Lage wären mit solchen Daten umzugehen, gibt es keine Software, mit der man wirklich bionisch entwickeln könnte. Das Modellieren geht zwar, aber Lastfälle sind noch nicht abbildbar. Doch ich bin mir sicher, dass auch das nur eine Frage der Zeit ist.“

Dass man bei EDAG bereits weiter ist, deutet Barckmann nur an. „Wir wollen natürlich 2015 in Genf die Idee hinter Genesis weiter treiben. So gut die Sache mit der Schildkröte ist - es macht keinen Sinn über Panzerplatten nachzudenken, wenn wir eigentlich das Thema Leichtbau antreiben wollen. Wenn alles so funktioniert, wie wir uns das derzeit denken, dann haben wir 2015 nicht nur einen Ausblick, sondern ein messbares Ergebnis dabei, das zeigt, wie man mit binomischem Design tatsächlich deutlich Ressourcen sparen kann. Mehr darf ich allerdings noch nicht dazu sagen.“

Ob das neue Projekt der EDAG-Entwickler statt mit Schildkrötenpanzern diesmal mit Blättern zu tun hat, ist derzeit noch Spekulation. Sicher ist jedoch jetzt schon, dass es ähnlich wie bei Genesis eine kleine (R)evolution sein wird, die (mal wieder) die Welt bewegt.